Zu Gast im Yeoville Dinner Club, Johannesburg

Wo wir hier gelandet sind, wird uns erst langsam bei der Ankunft bewusst. Ein Schild warnt vor einer „High Crime Area“, der Fahrer unseres Gruppenvans wird langsam nervös, will unbedingt nur direkt vor dem Lokal halten, uns auf keinen Fall ein paar Meter weit gehen lassen. Wir fahren noch eine Extra-Runde, bis uns unser Gastgeber abholen kommt und uns beruhigt. „Alles cool“, lächelt Sanza Sandile, und winkt uns herein. Sanza ist der Gastgeber im Yeoville Dinner Club, ein freundlicher, afrikanisch-bunt gewandeter Typ Mitte 40.

181110180Sein Dinner Club ist kein Restaurant, es sieht eher wie eine bunt zusammengewürfelte WG-Küche mit Riesen-Tisch aus. Hier nehmen jeden Abend knapp 20 Gäste Platz und lassen sich von Sanza bekochen – pan-afrikanisch, großteils vegetarisch, extrem spannend. Spannend ist freilich auch die Umgebung, auch wenn wir sie lieber vom Balkon im ersten Stock aus betrachten – als wäre es eine kleine Theateraufführung, wird gerade ein Dealer von ein paar Polizisten verfolgt. „Das sehen wir fast jeden Abend“, kann Sanza nur den Kopf schütteln.

Der Johannesburger Stadtteil Yeoville (ganz genau genommen befinden wir uns eigentlich im Stadtteil Bellevue) zählt mittlerweile zwar nicht mehr zu den allergefährlichsten von Johannesburg, jener Stadt, die lange die höchste Mordrate der Welt aufwies. Alleine sollte man hier dennoch nicht unbedingt durchspazieren, schon gar nicht als Frau. Sanza liebt sein Viertel – und genau deshalb hat er auch seinen Dinner Club mitten in die Rockey Street gepflanzt. Die Geschichte des Stadtteils ist eine abwechslungsreiche: Gegründet 1890, also schon vier Jahre nach der Gründung Johannesburgs, als man hier Gold fand, sollte es ein Viertel für die Reichen (hieß wohl Weißen) werden, die für die bessere Luft im auf einem Hügel gelegenen Teil hierher ziehen sollten. Das funktionierte aber nicht, Yeoville/Bellevue wurde zum Multikulti-Stadtteil, in dem sich Einwanderer aus allen Teilen Afrikas und darüber hinaus niederließen, darunter auch viele Juden.

Seit den 1940ern bis in die 1980er entwickelte es sich zum liberal weiß geprägten Künstlerviertel, mit Jazzclubs, Galerien, Kunsthandwerk-Ateliers, Plattenläden und so weiter. Ein hipper Melting Pot, in dem schwarze und weiße Südafrikaner gemeinsam Spaß hatten. Fünf Jahre nach dem Ende der Apartheid 1990 begann sich die demographische Verteilung dramatisch zu ändern – 1990 waren noch 85 Prozent der Bewohner weiß, acht Jahre später waren bereits 90 Prozent der Einwohner schwarz, und wesentlich ärmer. Die Shops und die Infrastruktur verschwanden, die Kriminalitätsrate stieg rasant. Erst in den letzten Jahren ging es langsam wieder bergauf – auch dank Bewohnern wie Sanza.

Sanza ist, man ahnt es anhand des ungewöhnlichen Konzepts und Standorts fast schon, kein gelernter Koch. Er absolvierte die Filmhochschule, produzierte Kurzfilme und Musikvideos, bis er die Liebe zum Kochen fand – als Autodidakt, der vielen Leuten, vor allem in seinem Viertel, über die Schulter schaute und wie ein Schwamm alles aufsaugte. Vor dem Dinner Club servierte er in einer umfunktionierten Garage Street Food und Falafel – ein Tribut an das jüdische Erbe Yeovilles. Damals schaute übrigens sogar Anthony Bourdin vorbei.

Sanzas Küche ist vor allem vegetarisch, nur Fisch, diesmal Tilapia und Red Snapper, bietet er an: „Der kommt jeden Tag frisch aus Mozambique“, erzählt er. Die Gerichte schmecken eines besser als das andere – zum Beispiel eine vegetarische Variante des nigerianischen Nationalgerichts Egusi aus Kürbis- und Melonensamen, interpretiert mit indischen Gewürzen. „Die nigerianische Variante ist voller Fleisch, das wollte ich nicht. Manche ‚Food Fascists‘ mögen es nicht, wenn ich ihr Nationalgericht nehme und verändere“, grinst er. Ein fantastischer Rotkraut-Salat wird mit getoasteten Sesamsamen, Limetten- und Zitronensaft, Olivenöl und Rosinen serviert, es gibt Mango-Auberginen-Pickels, Brot aus fermentiertem Bierteig und ein Cassava-Gericht, das er als „Memories from Angola, Kongo and Mozambique“ umschreibt – für das verwendet er auch die Blätter der Cassava – „die essen sonst nur die Ziegen“, wie er sagt. Als Dessert tischt er noch etwas Europäisches auf: Gekochte Gewürzbirnen mit Joghurtsauce, gewürzt mit Anis, Zimt und Szechuan Pfeffer.

Das Essen ist großartig, aber viel zu viel, dass es unsere europäisch-amerikanisch-afrikanisch bunt durcheinander gewürfelte Tischrunde aufessen kann. Was macht Sanza denn jeden Abend mit so vielen Resten? Ganz einfach, er hat eine schlaue Doppelbuchung: „Wenn ihr weg seid, kommen noch einmal Gäste. Die Dealer aus der Straße. Ich lade sie ein, und dafür werden ich und meine Gäste von ihnen beschützt.“

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